Von Pfandflaschensammlern und Gehorsamkeitsketten

Floyd 12 Kommentare Der letzte Fake

Boah, da steht mir wirklich das blanke Entsetzen im Gesicht. Am Stuttgarter Flughafen klebt ein Aufkleber, der das Sammeln von Pfandflaschen aus Mülleimern untersagt. Die Gründe für die Anbringung eines solchen Aufklebers dürften auf der Hand liegen. Dennoch habe ich den Flughafen Stuttgart angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten.

Flughafen Stuttgart: Aufkleber der das Sammeln von Pfandflaschen aus Papierkörben verbietet
Flughafen Stuttgart: Aufkleber der das Sammeln von Pfandflaschen aus Papierkörben verbietet

Das Ende der gesellschaftlichen Kette

Nein, ich würde Menschen die Pfandflaschen sammeln niemals so bezeichnen. DIE schon. Diese gehobene, scheinheilige, von Profit getriebene Tresorgesellschaft. Immer erst selbst alles in trockene Tücher bringen, bevor man auch nur ansatzweise darüber nachdenkt, wie es dem oder der Nächsten geht. Reicht doch, wenn die Arbeitslosen von Hartz 4 leben dürfen, oder? Über die Würde eines Menschen redet keiner. Wie viel Überwindung es einen Menschen kostet, das erste Mal in einen Mülleimer zu greifen? Alles in der Hoffnung auf eine Pfandflasche. Und die ist erst dann versilbert, wenn sie in einen Supermarkt getragen und in einen Automaten geworfen wird. DIE sollten eines begreifen: es ergibt keinen Sinn das letzte Glied der Kette abzuschneiden. Das letzte Glied der Kette, wie DIE sie verstehen.

Eine sinnbefreite Gehorsamkeitskette

Das Motiv hinter der Aufkleberaktion dürfte klar sein: der Flughafen sollte nicht von diesen Subjekten bevölkert werden. Alle Reisenden, ob Business,- oder Urlaubsflieger dürfen nicht in ihrer Ruhe gestört werden. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sollen von einem öffentlich zugänglichen Ort ferngehalten werden? Genau. Trotz allem ist das Ergebnis (der angebrachte Aufkleber) nur die Folge einer Gehorsamkeitskette. Irgendjemand denkt es wäre eine wunderbare Idee mit diesen Aufklebern, delegiert diese Aufgabe weiter. Die nächste Person delegiert wieder weiter. Am Ende hat dieser hirnlose Aufkleber gefühlte 15 Instanzen durchlaufen, bis die Aufgabe erfüllt und der Aufkleber angebracht ist. Problem: keine der 15 Instanzen hat die ihr anvertraute Aufgabe auf menschliche Art und Weise hinterfragt. Zack, Stempel drauf, nächste Aufgabe. Da bin ich vielleicht ein Träumer, aber in meiner Welt wäre irgendjemand aus dieser Gehorsamkeitskette aufgestanden und hätte gesagt: „So nicht! Lasst uns versuchen das Problem anders zu lösen. Menschlich!

Lösungsansätze für die Gehorsamkeitskette

Lösungen gibt es einige. Zum Beispiel kann man sich auf der wunderbaren Internetseite pfandgeben.de als Pfandflaschensammler registrieren. Gleichzeitg können Menschen, die Pfandflaschen zu Hause haben, diese von registrierten Nutzern abholen lassen.

Ach Floyd, das funktioniert doch nicht für so große Umgebungen wie z.B. den Flughafen, du kleines Träumerlein. Stimmt. Doch auch hierfür gibt es Ansätze. Wie wäre es denn mit Pfandringen an den einzelnen Abfalleimern? Paul Ketz hat zum Beispiel in seiner Designarbeit in Zusammenarbeit mit der Kölner AWB eben diesen Pfandring entwickelt.

Pfandring: Designarbeit von Paul Ketz in Zusammenarbeit mit der Kölner AWB 2012

Mit diesem System könnte man den Sammlern ein Stück ihrer Würde zurückgeben, indem sie nicht mehr in die Mülleimer greifen müssten. Und wenn ihr das nächste Mal an einem Mülleimer vorbeikommt, an dem Flaschen stehen bedeutet das nicht zwingend, dass diese Stadt schmutzig und dreckig ist.

Doch Stuttgart verfolgt andere Interessen. Da werden Mülleimer lieber noch schmaler und höher gebaut, damit kein Pfandflaschensammler mehr hineingreifen kann. Ob dieses Vorgehen das gesellschaftliche Problem an der Wurzel anpackt wage ich zu bezweifeln.

Update 14:08 Uhr

Putte hat mich noch auf ein Foto hingewiesen, das ihm Simon Müller zur Verfügung gestellt hat. So sieht ein Mülleimer in Berlin aus:

Abfalleimer Berlin - Ein Herz für Pfandflaschensammler
Abfalleimer Berlin - Ein Herz für Pfandflaschensammler

Update 2 – 19. April 2012 – 12.52 Uhr

Gerade eben erhielt ich eine Mail des Flughafens Stuttgart bezüglich des Aufklebers und die Beweggründe für die Anbringung:

…vielen Dank fuer Ihre E-Mail vom 18.04.2012 zum Thema Flaschensammeln am Flughafen Stuttgart. Nachdem es lange keinerlei Probleme mit dem Sammeln von weggeworfenen Flaschen gegeben hat, ist das Sammeln in Stuttgart inzwischen untersagt. Mehrere Gründe haben zu dieser Entscheidung gefuehrt:

Es gab zunehmend Streitigkeiten zwischen einzelnen Sammlern, die die Terminals in „Reviere“ aufgeteilt hatten und fremde Sammler teilweise aggressiv vertrieben. Es gab Familien-Gruppen, die das Sammeln professionell organisiert hatten. Das führte u.a. dazu, dass Fluggästen die Flaschen vor den Sicherheitskontrollen buchstäblich aus der Hand gerissen wurden. Die Abfallbehälter wurden teilweise umgekippt und der Inhalt über den Boden verstreut, um an die Flaschen zu kommen. An diesem Zustand hat sich trotz Appellen unsererseits nichts geändert und es gab zunehmend Beschwerden von Fluggästen und Besuchern. Deshalb hat der Flughafen dieses Verbot ausgesprochen.

Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, sondern sie wurde intensiv diskutiert. Wir hoffen, dass Sie unseren Standpunkt nachvollziehen können und Verständnis dafür haben, dass wir auch die Interessen der Flughafen-Gäste berücksichtigen.

12 Meinungen zu “Von Pfandflaschensammlern und Gehorsamkeitsketten

  1. Ergänzung zum verlinkten Beitrag: Die Stuttgarter Mülleimer werden nicht höher gebaut, sondern tiefergelegt. Der Tank wird in der Erde vergraben (wie der Bahnhof) das erste Bild im Beitrag zeigt die Mülleimer vor der tieferlegung. Das Ergebnis ist aber dasselbe, man kommt nicht mehr an den Inhalt ran.

    1. Leute ihr glaubt ja gar nicht, wie clever Pfandsammler sind. Ich habe ein paar Tage lang mitten in der Fußgängerzone an einem Piratenstand gestanden und konnte beobachte, wie verschiedene Pfandsammler ankamen, die Luke neben den Mülleimern aufmachten und mit langen Greifzangen die Pfandflaschen rausholten :)

      Natürlich stimme ich Floyd vollinhaltlich zu. Das Ausgrenzen dieser Menschen, die es inzwischen so oft (!!) zu sehen gibt, ist absolut zum Kotzen.

  2. Am Stuttgarter Bahnhof habe ich schon Streit zwischen einem Flaschensammler und einem „Müllfahrer“ miterlebt, also einer, der die Mülleimer am Bahnhof offiziell leert. Bei diesen sicher nicht gerade gut bezahlten Mitarbeitern scheinen die Pfandflaschen aus dem Müll wohl auch ein gern genommenes Zubrot zu sein. Was, wenn der Aufkleber aus dieser Ecke kommt?

    Den Pfandring finde ich übrigens grandios!

  3. Ich hätte gerne den Aufkleber in umgekehrter Version: „Pfandflaschen sammeln, ja bitte!“ Wir wohnen in der Provinz in unmittelbarer Nähe eines Schulzentrums und da findet man Pfandflaschen (und nicht nur das) im Vorgarten, im Kompost, in der Zeitungsrolle (!!) und vor allem in den Robby-Dog-Stations (und da würde ich als Sammler auch nicht rein fassen wollen). Das lässt mich vermuten, dass Teenager heutzutage zu viel Taschengeld bekommen, sonst würden die sich das Pfand doch einlösen.

    Die Erklärung vom Stuttgarter Flughafen ist für mich durchaus nachvollziehbar.

  4. So ein Aufkleber ist bei den sparsamen Schwaben so unnötig wie ein Kropf. Diese nehmen ihre Pfandflaschen auf die Reise mit und geben sie bei Rückkehr selbst ab !

  5. Pingback: URLcamp #007

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