Aus der Nachrichtenagentur: die unanständige Methode eines dpa Journalisten

Momentan streiken die Journalisten. Auch die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten werden bestreikt. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass immer mehr Artikel in den Zeitungen aus Meldungen der Nachrichtenagenturen bestehen. Wie Teile der dort beschäftigten „Journalisten“ arbeiten wusste ich nicht, bis ich es eines Tages selbst durchleben durfte. Die Geschichte liegt 10 Jahre zurück.

Der Herr Mitallenwasserngewaschen* der dpa

Eines Tages kam ich abends nach Hause und hörte meinen Anrufbeantworter ab. Herr Mitallenwasserngewaschen* stellte sich als Journalist der dpa vor. Freundlich und nett führte der Herr Journalist aus, dass er gerne ein Interview über Lomografie Schwarz-Weiß-Fotografie mit mir führen würde. Er habe meine Fotos gesehen und würde mich für einen kompetenten Interviewpartner halten.

Am nächsten Tag das Telefoninterview

Das Telefon klingelte. Ich gehe ran und Herr Mitallenwasserngewaschen* meldete sich am anderen Ende der Leitung. Ja, hartnäckig war er, dieser Herr. Er sei froh, dass er mich jetzt erreicht habe und er sei unglaublich begeistert von den Fotos. Ob ich nun bereit sei für das Interview. Zuerst fragte ich ihn welches Thema der Artikel behandeln solle. Herr Mitallenwasserngewaschen* sagte selbstverständlich ginge es um das Thema Lomografie Schwarz-Weiß-Fotografie. Wir unterhielten uns ungefähr 25 Minuten über das Thema. Von den persönlichen Vorlieben in Sachen Kameras, Motive, Filme, Chemikalien, Fotopapier, bis hin zur Arbeit im eigenen Schwarz-Weiß-Labor. Soweit, so unspannend.

Die letzte Frage

Zum Abschluß wollte er noch kurz von mir wissen, wie ich zum Thema Lomografie stehe. Meine Meinung lautete:

Wenn es darum geht nicht durch den Sucher zu schauen brauche ich hierfür keine Kamera für 250 Mark. Dies funktioniert mit jeder Kamera. Wenn es um die Plastiklinse geht gibt es diese an russischen Plastikkameras auf Flohmärkten ebenso. Diese kosten zwischen 2-20 Mark, somit könnte ich mir für unglaubliche 230 Mark Filme kaufen, einlegen, nicht durchschauen, knipsen und hätte ein sehr sehr ähnliches Ergebnis. Ich verstehe den Spaß dahinter, den Preis jedoch nicht. Für mich ist Lomografie eine Geschäftemacherei. Da kann ich wie bereits gesagt auf einen Flohmarkt gehen und mir eine gebrauchte Kamera kaufen. Die kostet weniger und hat auch eine Scheißqualität.

Eine Woche später

Im Internet fand ich den Artikel „Die Kunst der abgeschnittenen Köpfe“ bei der „Kölnschen Rundschau“. Thema natürlich: Lomografie. Eine Hommage an die Lomografie und ihre Kunstform mit einem begnadeten Ende, nämlich meiner Aussage, verpackt unter der Überschrift „Neid oder Wahrheit?“. Hinter meiner Aussage stehe ich übrigens heute noch. Was ich jedoch verwerflich finde ist das journalistische Verhalten des Herrn Mitallenwasserngewaschen*, der gezielt nach einem Fotografen suchte, von dem er ausging diese Aussage zu bekommen. Sein Handwerk beherrschte er, ohne Frage, dennoch war ich enttäuscht darüber, dass sich so ein Herr keine Gedanken darüber macht, was das für die jeweilige Person bedeuten kann.

Mit Vorsatz Menschen in eine Falle locken ist keine journalistische Tätigkeit. Auch die unkorrekte Wiedergabe der Aussage zeugte von seinem gezielten Vorhaben. Alles nach dem Motto „Ich schreib mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt“. Selbstredend hätte ich die Frage zu Lomografie nicht beantworten müssen. Das wurde mir jedoch erst nach dem Telefonat klar.

Journalistisches Lehrgeld: bezahlt √

Vielleicht kann man das im Hinterkopf behalten, wenn man Artikel diverser Nachrichtenagenturen liest. Oftmals ist nichts wie es sich liest. Natürlich erschien der Artikel in diversen weiteren Käseblättern und Tageszeitungen. Zum Thema Schwarz-Weiß-Fotografie wurde nichts veröffentlicht.

Artikel Kölnsche Rundschau vom 15.08.2001

Kölnsche Rundschau Artikel Lomografie Floyd Celluloyd

*Name von der Redaktion geändert, evtl. Namensähnlichkeiten sind rein zufälliger Natur.

27 Meinungen zu “Aus der Nachrichtenagentur: die unanständige Methode eines dpa Journalisten

  1. Nette Geschichte, die mal zeigt, wie das Ganze so funktioniert. Was mich noch interessieren würde: Kommt das Plenken in der Absatzüberschrift und der Schreibfehler („Aspek“) auch aus der hochqualitativen dpa Meldung oder hat das die Zeitung verbockt? :o

  2. Also ich habe jetzt nicht verstanden, was Sie so aufregt und wo der Agenturjournalist gefehlt hat. Falsch zitiert hat der dpa-Mann Sie ja offenbar nicht. Und dass der Artikel vielleicht nicht gut und/oder sachkundig ist, ist ja nicht Ihr sondern das Problem des Schreibers. Was war denn damals überhaupt so problematisch daran, so mit dieser Aussage zur Lomografie in dem Beitrag zu stehen?

    Kurz gesagt: Ich habe es nicht verstanden und würde mich über eine Erläuterung freuen, wieso diese zehn Jahre alte Geschichte erläutert, wie Journalisten im negativen Sinn ticken und arbeiten.

    1. Lies doch mal im Artikel des Journalisten ganz unten unter „Neid oder Wahrheit“ wie das Zitat eingeleitet wird und vergleiche das mit dem Gespräch das eigentlich zwischen dem Journalisten und Floyd statt fand.

  3. Wo war jetzt der Vorwurf?

    Sie haben einem Journalisten in einem Interview etwas gesagt und der hat diese Aussage in einem Artikel korrekt wiedergegeben?

    Ääääh….bitte?

  4. Vielleicht weil ein Teil des Zitates fehlt, der das ganze aber in einem anderen Licht darstehen lässt:

    „Ich verstehe den Spaß dahinter, den Preis jedoch nicht“.

    Stattdessen gibt es als Einleitung zum Zitat: „Floyd Celluloyd hat also rein gar nichts verstanden […]“. Ist m.E. schon ein krasser Unterschied.

  5. @jokahl @Claus: zuerst mal biete ich Ihnen hier gerne das „du“ an, das hat sich im Blog bewährt. Ich hoffe das ist in Ordnung für euch. Da eure beiden Kommentare in die gleiche Richtung gehen antworte ich hier zusammengefasst. Der Fakt ist korrekt, dass ich die Aussage die letztendlich gedruckt wurde in ähnlicher Form geäussert habe. Abgesehen davon, dass nur das Negative herausgezogen wurde. Aber um diesen Punkt ging es mir mit diesem Artikel nicht.

    Vielmehr führte ich mich hinters Licht geführt, als dieser Artikel erschien. Denn wie oben geschrieben fragte ich den Journalisten, um was für einen Artikel es sich handeln werde, in dem meine Aussage erscheinen soll. Daraufhin erwiderte dieser, dass es um einen Artikel über „Schwarz-Weiß-Fotografie“ gehe. Mag sein, dass dies die gängige journalistische Praxis ist jemanden anzurufen, über ein Thema zu sprechen, um das es im Artikel gar nicht gehen wird, um am Ende einen Satz aus dem Kontext zu reissen. Das kann ich jedoch nicht gutheissen.

    Wie ebenfalls oben beschrieben wurde mir leider erst nach dem Anruf klar, dass ich die Aussage zu Lomografie nicht hätte machen müssen. Da fasse ich mir natürlich auch an die eigene Nase. Dennoch ist es eine fragwürdige Methode Menschen unter falschem Vorwand zu interviewen.

    @jokahl: die Verallgemeinerung, von der du sprichst steht hier in keinster Weise. Der Artikel lautet „Aus der Nachrichtenagentur – die unanständige Methode eines dpa Journalisten“. Also eines dpa Journalisten. Eine Verallgemeinerung sehe ich darin nicht. Was die Problematik daran war würde ich gerne für mich behalten, denn ich bin froh, dass ich diese Geschichte nachträglich klären konnte.

    1. @floyd: Danke, jetzt wird es (ein wenig) deutlicher, und ich bitte um Verzeihung für die dumme Verallgemeinerung (ein dpa-Mann=alle Journalisten). Jetzt wird allerdings auch klar, wie bei mir und anderen die Verwirrung über das Ausmaß der Aufregung überhaupt entstehen konnte: Wenn Du über „die Problematik daran“ gar nicht sprechen willst, fällt es ein wenig schwer, die Medienkritik zu akzeptieren, weil man Ausmaß und Methode einer möglichen Verfehlung von dpa gar nicht beurteilen kann.
      Wundert mich also gleichermaßen, dass Ronnie Grob die Geschichte in 6vor9 aufgegriffen hat und dass Du sie überhaupt geschrieben hast.
      P.S. Ist Lomo nicht auch immer s/w?

      1. @jokahl Der Versuch „die Problematik daran“ aus mir herauspressen zu wollen ist nicht sehr ehrenhaft;) Aber weil du es bist und wir uns noch nicht kennen, kann ich es dir ja erzählen. Du willst die Problematik wissen? Problem, Problematik? Der kleinere Teil der Problematik war, dass mich damals Menschen angerufen haben, die ich gar nicht kannte und mich teilweise übel auf den Artikel angesprochen haben, Meinungen dazu in diversen Foren (ja, die gab es damals schon;)) gepostet haben, etc. Die größere Problematik war, dass ein Sponsor eines schon länger geplanten Fotobandes abgesprungen ist. Und nö, der Sponsor hiess nicht „Lomographic Society International“.

        Unabhängig davon finde ich die Medienkritik durchaus gerechtfertigt. Denn er hat sich die Aussage zu Lomografie durch eine Lüge erschlichen. So und nicht anders sehe ich das. Meine damalige Naivität habe ich ja schon breit zugegeben;)

        1. Absolut seltsame Geschichte nach wie vor. Klingt in etwa, als hättest Du Dich mit Scientology angelegt oder so. Denn die heftigen Reaktionen (Anrufe, Foren, Sponsor) scheinen doch völlig übertrieben. War das Thema Lomo damals wirklich so heiß und sektenmäßig gehypt, dass keiner öffentlich negativ darüber reden wollte?

          1. Wie gesagt, ich kann dir nur schreiben, was ich danach erlebt habe. Allerdings kann ich dir auch nicht sagen, in wie vielen weiteren Blättern dieser Artikel erschienen ist. Einige hatte ich damals gefunden, aber sicherlich nicht alle, da ich nur online recherchiert hatte. Und da gab es eben auch diverse Fotoforen, in denen das gepostet wurde. Dass sich niemand hätte kritisch äussern wollen glaube ich nicht.

            Aber wir drehen uns im Kreis. Vielleicht funktioniert es so besser: Ich hätte ein Problem damit gehabt, hätte mir besagter Journalist gesagt über welches Thema er schreiben möchte. Denn über Schwarz-Weiß-Fotografie konnte ich begeistert berichten über Lomographie eben nicht. Was soll ich von einem Thema erzählen, das für mich persönlich einfach überflüssig ist?

            *ironiean* Das damals war die absolute Weltverschwörung. Der wollte mich bestimmt komplett niedermachen und in ein schlechtes Licht rücken, was für einen Fotografen schon ziemlich doof ist. Und ja, ich reagiere völlig über.*ironieaus*

            *ernstan*Fand es damals sehr schade, was da passiert ist. Und ich sage auch nicht, dass es ein Vorgehen ist, das den Weltuntergang heraufbeschworen hat. Wie gesagt, ich bin kein Journalist, daher weiss ich nicht, ob das ein übliches Vorgehen ist. Ich wollte einfach darüber schreiben. Denn der Leser der Zeitung erfährt eben nichts über ein 30 minütiges „Schwarz-Weiß-Fotografie“ Interview, sondern liest nur die negative Aussage von mir. Hinter der stehe ich heute noch, auch wenn die damalige Darstellung im Artikel ebenfalls aus ihrem Zusammenhang gerissen wurde.*ernstaus*

  6. Lieber Floyd,
    ich finds gut, dass Du jetzt ein bisschen zurückruderst in Sachen „Verallgemeinerung“. Denn Deine Einleitung kommt – durch ihre Hinleitung zu Deinem Einzelfall – schon sehr rüber nach dem Motto – seht her, so unmoralich arbeitet man bei Nachrichtenagenturen! Auch insgesamt finde ich Dein Fallbeispiel etwas zu hoch gehängt, angesichts der zurückliegenden Zeit und der eher geringen „Verfehlung“ des Journalisten, sich aus einem Interview nur eine Passage rauszugreifen, egal ob vorher geplant oder nicht.

    1. Verallgemeinern war nicht meine Absicht und wer genau liest erkennt dies auch. Das Fallbeispiel hänge ich nicht hoch, ich schreibe nur darüber. Dein Argument mit der vergangenen Zeit wäre wertvoll und richtig, wenn ich daran glauben könnte, dass einige Journalisten nicht mehr mit Hilfe dieser Methode ihre Informationen erlangen würden.

      Wie oben bereits geschrieben, eine geringe Verfehlung ist das aus meiner Sicht nicht, wenn ein Journalist schreibt:

      Floyd Celluloyd hat also rein gar nichts verstanden, wenn er lästert…

      Dass diese Art und Weise der Recherche bei diesem Journalisten aber die pure Absicht war, das willst du jetzt hoffentlich nicht abstreiten, oder? Er wusste genau, dass er einen Artikel zum Thema Lomografie veröffentlichen will. Schwarz-Weiß-Fotografie war für ihn der Aufhänger, um einen Fotografen zu finden, bei dem er sich sicher sein konnte, dass er die Antwort zum Thema Lomografie bekommt, die er sich wünscht. Den Wunsch habe ich ihm erfüllt. Aus Naivität und Vertrauen. Wobei letzteres auch mit Naivität zu tun hat;)

      Mir geht es lediglich darum aufzuzeigen, zu welchem Thema mich der Journalist ursprünglich angerufen hat und was am Ende daraus wurde. Sorry, aber da liegen für mich nicht nur thematische Welten, sondern auch menschliches Fehlverhalten dazwischen. Den Fall hänge ich nicht hoch auf, das macht ihr ;) Ich wollte nur darüber schreiben, unabhängig davon ob es 2, 10 oder 20 Jahre her ist.

  7. Für mich hört sich dieser Artikel eher wie eine Satire an und dein wiedergegebener Kommentar hebt das eigentlich hervor. Deine Aussage zur Lomographie ist völlig korrekt, alles Nepp.

  8. Da der Text vom dpa-Kunden Kölnische Rundschau redigiert wurde, sende ich anbei das Originalstück meines Kollegen, das damals im dpa-Themendienst (dpa/gms) gelaufen ist.
    Beste Grüße
    Christoph Dernbach, dpa

    Mi, 08.08.2001, 9:27
    Schüsse aus der Hüfte – Lomographen halten nichts von Fotoregeln

    Berlin/Wien (gms) – Unter den in Berlin akkreditierten Botschaftern ist Joachim Trapp eine ungewöhnliche Erscheinung: Über seiner hochgekrempelten Jeans trägt er ein blau-weißes Ringelhemd, Schuhe hält er in seinem frisch eröffneten Amtssitz für überflüssig. Am liebsten repräsentiert er auf der Straße: Dann stellt er sich einen alten Ohrensessel oder einen Heuballen vor die Tür und lässt die Szene am Prenzlauer Berg an sich vorbeiziehen. Trapp kann sich solche Extravaganzen leisten, denn er vertritt keine Nation, sondern eine Idee, der zudem alles Regelhafte fremd ist: die Lomographie. Der gebürtige Saarländer ist zwar nur einer von mehreren «lomographischen Botschaftern» in Deutschland. «Aber ich bin der erste mit einer ständigen Vertretung» – sprich: einem Ladenlokal.

    Knapp zehn Jahre ist es her, dass zwei Wiener Studenten in einem Prager Trödelladen eine kleine Kamera aufstöberten. Sie war sowjetischer Bauart, hatte den rustikalen Charme eines Trabbis und so wie dieser garantiert keine Zukunft. Doch die Bilder, die der Lomo Kompact Automat lieferte, gaben zum Staunen Anlass: Sie waren zwar verwackelt und auch sonst nach herkömmlichen Maßstäben komplett misslungen – den beiden Wienern wollte es aber scheinen, als ob ihnen mit dem skurrilen Apparat aus den frühen achtziger Jahren eine neue Bildästhetik gelungen sei: irgendwie frisch und anders, radikal impressionistisch. Das lag freilich weniger an der Kamera als an der Art und Weise, wie sie bedient worden war. Da die Technik ohnehin nicht vertrauenswürdig schien, hatten die Fotografen der Einfachheit halber aus der Hüfte geschossen.

    So halten es heute immer noch die meisten Lomographen. Mehr als 500 000 sollen es inzwischen sein. Aus dem Studenten-Spaß von einst ist ein florierendes Unternehmen mit rund 70 Mitarbeitern geworden – worüber ein kreativ-ironisches Marketing geschickt hinwegtäuscht. Längst hält die «Lomographic Society International» in Wien die exklusiven Vertriebsrechte am immer noch in St. Petersburg gebauten Lomo Kompact Automat. Da dieser mit einem Preis von rund 250 Mark inzwischen teurer geworden ist, als es seine Herkunft vermuten lässt, und die Lomographie neue Impulse gut vertragen kann, haben die Wiener jetzt neben einem Nachtsichtgerät für knapp 500 Mark ihre erste selbstentwickelte Kamera auf den Markt gebracht.

    Der «Supersampler» kostet vergleichsweise günstige 99 Mark und soll die Sehgewohnheiten neuerlich revolutionieren. Ausgestattet mit vier Linsen unterschiedlicher Brennweite, ermöglicht die in China produzierte Plastikkamera die Aufnahme von Bilderserien. «Damit lässt sich die Wirklichkeit effektvoll dekonstruieren», verspricht Joachim Trapp. Da sich der Sucher schon bei der Ur-Lomo als weitgehend überflüssig erwiesen hat, wurde er beim Supersampler auf ein symbolisches Minimum reduziert. Weiteres Kuriosum: Der Film wird mit einer Schnellreisleine gespannt.

    Manfred Zollner, Bildredakteur bei der in München erscheinenden Zeitschrift «Fotomagazin», traut auch der Lomo der neuen Generation durchaus Kultqualitäten zu: «Es gibt schon einige Künstler, die damit arbeiten.» Aber auch die erste Lomo erfreut sich in der Kunstszene ungebrochener Beliebtheit. Seit Mitte der neunziger Jahre hat es ungezählte Ausstellungen mit auf «Lomowalls» montierten Abzügen gegeben. Eine weitere will Joachim Trapp in Kürze zusammen mit einer Berliner Galeristin organisieren. Wer gelungene Beispiele der Lomographie bewundern will, braucht aber bloß in seine Botschaft in der Husemannstraße 15 zu kommen, wo sie in langen Bahnen von der Decke hängen und flächendeckend die Toilette zieren.

    Obwohl sich überzeugte Lomographen gegen die Unterscheidung von gut und schlecht wehren, lässt sich doch so viel sagen: Eine klassische Lomographie ist klein und ungewöhnlich bunt, die Auswahl der Motive dabei beliebig: Meist sind fröhliche junge Menschen zu sehen, gelegentlich auch erstaunte Hunde. Den Lomographen scheint alles zu reizen, was den üblichen Blickwinkel transzendiert, daher auch die vielen angeschnittenen Köpfe und mutwilligen Unschärfen. «Die wichtigste Regel für Lomographen lautet, dass sie alle Regeln vergessen sollten», so Joachim Trapps Botschafter-Kollege Lothar Schmidt mit Amtssitz in Böblingen.

    Umstritten ist unter Fachleuten, wie die poppige Farbigkeit der meisten Bilder zu erklären ist: Verdankt sie sich dem Genie der russischen Entwickler oder hängt sie schlicht mit dem verwendeten Film und dem kleinen Bildformat zusammen? Überzeugte Lomographen schwören, dass sich das Geheimnis im lichtstarken Objektiv verbirgt: «Es hat einen besonderen Schliff», meint Trapp. «Überhaupt ist die Lomo technisch gar nicht so primitiv wie vielfach behauptet.» Immerhin verfüge sie über eine zuverlässige Belichtungsautomatik, die Möglichkeit der Langzeitbelichtung und eine besonders schnelle Scharfstellung per Hebel: Zwischen vier Entfernungen kann damit gewählt werden.

    Wichtiger als technische Feinheiten ist für die Freunde des russischen Kamera-Fossils aber der gruppendynamische Aspekt, und eine der wichtigsten Aufgaben von Botschafter Trapp besteht denn auch in der Pflege der lokalen Lomo-Community. Lomographen machen Fotos wie andere Leute SMS austauschen. Sie dürfen sich als Mitglieder einer künstlerischen Avantgarde fühlen, ohne das zähe Einmaleins der Fotogestaltung gepaukt zu haben. Zudem lassen sich die Lomographien über einen speziellen Service des Unternehmens ins Internet stellen und damit der ganzen Welt zugänglich machen.

    Floyd Celluloyd, ein überzeugter Schwarz-Weiß-Fotograf aus Stuttgart, hat also rein gar nichts verstanden, wenn er lästert: «Das mit der Lomo ist doch die reine Geschäftemacherei. Da kann ich genauso gut auf einen Flohmarkt gehen und mir eine gebrauchte Kamera kaufen. Die kostet nur 20 statt 250 Mark und hat auch eine Scheißqualität.»

    Informationen: Im Internet unter http://www.lomography.com und unter http://www.lomo.de.

    1. Vielen Dank Herr Dernbach für die unredigierte Version des Artikels. Eventuell kommt am Ende noch heraus, dass es tatsächlich einen Artikel zu Schwarz-Weiß-Fotografie gab und ich ihn damals nur nicht gefunden habe? Das würde ja zumindest belegen, dass der Journalist damals tatsächlich für solch einen Artikel recherchiert hat.

      Eine persönliche Frage an Sie: finden Sie es menschlich ok, dass Ihr Kollege ein Interview über das Thema Schwarz-Weiß Fotografie mit mir führt, mir bestätigt, dass dies Thema des Artikels sein werde, um am Ende eine Aussage zu Lomografie von mir zu bekommen und am Ende dies das Ergebnis ist? Wie weiter oben bereits geschrieben bin ich kein Journalist und kann nicht nachvollziehen, ob das eine typische Art der Recherche ist oder nicht. Ihre persönliche Meinung hierzu würde mich interessieren. Vielen Dank.

      1. @Floyd
        In unserem Archiv finde ich zwar etliche Stücke des Kollegen (der übrigens seit 2005 nicht mehr in der dpa-Themendienst-Redaktion arbeitet) zu Foto-Themen (u.a. zu Filmformaten), aber kein dezidiertes Stück zum Thema Schwarz/Weiß-Fotografie. Ihr Name kommt auch nur in dem einen Stück im dpa-Archiv vor.

        Sie müssen bei Ihrer Bewertung des Vorgangs, der zehn Jahre später kaum mehr in Details rekonstruiert werden kann, auch berücksichtigen, dass Korrespondenten und Reporter bei dpa nicht alleine bestimmen, was dann tatsächlich im Dienst läuft. Das Programm wird also in einem redaktionellen Prozess festgelegt. Daher kann es vorkommen, dass eine von einem Autoren geplante Geschichte von der Redaktion „gekillt“ wird.

        Um Problemen und Missverständnissen wie in Ihrem Fall aus dem Weg zu gehen, versuche ich natürlich möglichst klar zu kommunizieren, welche Geschichte ich tatsächlich plane. Außerdem lasse ich häufig Aussagen von Experten vor der Veröffentlichung autorisieren. Man hat dann aber hin und wieder das Problem, dass der Gesprächspartner am Telefon schön griffig formuliert und nach dem Durchlesen des Zitats dann seine Aussage abschwächen will, so dass ich in diesen Fällen auch gelegentlich auf die Veröffentlichung dann komplett verzichte.

        1. Vielen Dank Herr Dernbach für Ihre Mühe und die Ausführungen zu dem Ablauf innerhalb einer Nachrichtenagentur. Ihren Ausführungen nach zu urteilen kann ich davon ausgehen, dass in meinem Fall einfach ein „Missverständnis“ oder eine fehlerhafte Kommunikation eines Journalisten mir gegenüber vorlag. Anders kann ich mir diesen Vorgang nicht erklären. Werden in Ihrem Archiv auch Themen gespeichert, die von Journalisten geschrieben wurden, aber von der Redaktion „gekillt“ wurden? Wahrscheinlich ist dieser Fall tatsächlich nicht mehr komplett rekonstruierbar.

          Da hier aber schon häufiger das Argument fiel, warum ich nach 10 Jahren diesen Fall nochmals hervorhole: die Zeiten im Internet haben sich gewandelt. Ich hatte bereits im Jahr 2001 auf meiner Internetseite einen Hinweis auf diese Geschichte. Der Grund der erneuten Veröffentlichung lag einerseits am Streik der Journalisten der beiden großen Stuttgarter Zeitungen, andererseits an der Möglichkeit ein Blog, soziale Plattformen usw. zu benutzen, die eine stärkere Reichweite besitzen, als dies damals der Fall war. Das finde ich erstmal gut, denn ansonsten hätte ich wahrscheinlich keinen Kontakt zu Ihnen bekommen und auch nicht zu all den anderen Kommentatoren/innen hier. Letztendlich befüllen die beiden großen Stuttgarter Tageszeitungen durch den Streik der Journalisten ihre Zeitungen vermehrt mit Artikeln aus Nachrichtenagenturen. Auch Themen, die direkt vor der Haustüre passieren. Da ich erstmal ein kritischer Mensch bin fand ich es als angebracht auf diese eigene Geschichte zu verweisen.

          Nochmals vielen Dank für Ihre Mühe

  9. Deine Geschichte beleuchtet einen grundsätzlichen Aspekt des Journalismus.

    Absichtliche Verfälschung durch Weglassung. Das funktioniert im Kleinen, wie im Großen. Mal schadet es kaum, mal ist der Schaden gewaltig.

    So ein Vorgehen ist in meinen Augen unlauter.

  10. Schön, dass die dpa sich hier kümmert und nochmal im Archiv geguckt hat! Am Interessantesten aber wäre natürlich, wenn der Autor selbst hier auftauchen und mal seine Erinnerung auffrischen würde.
    Nach meiner vorläufigen Analyse muss damals zwischen dpa/gms und Floyd C. ein Kommunikationsproblem bestanden haben.
    Denn natürlich gibt es Journalisten, die mit fiesen Tricks Interviewpartner täuschen, um sich Zitate oder Informationen zu erschleichen.
    Was hier fehlt, ist aber das Motiv. Ein kritisches Zitat zum Lomo-Hype hätte sich der dpa-Mann sonstwo holen können.
    Dafür hätte es sich nicht gelohnt, Floyd zu verärgern.

  11. Pingback: Links des Tages – 28.07.2011 « Links des Tages
  12. Ich arbeite seit 10 Jahren als Journalistin und kann mir nicht vorstellen, dass der dpa-Kollege dich da in die Pfanne hauen wollte. Lomografie (ich muss gestehen, dass ich davon heute zum ersten Mal gehört habe) ist doch kein so heikles Thema, dass man es in ein anderes, vorgebliches Thema verpacken müsste. Zumal ein ähnliches Zitat wie von dir von zahllosen Experten in Deutschland hätte geliefert werden können.
    Zudem wäre es gerade für einen stets gestressten Agentur-Journalisten einfach verschwendete Zeit, 25 Minuten über Schwarzweiß-Fotografie zu sprechen, wenn er nur fünf „knackige“ Lomografie-Sätze braucht.
    Ich kann mir höchstens vorstellen, dass er mehrere Experten zu beiden Themen befragt hat, weil er zu beiden Themen einen Artikel schreiben wollte (hab ich auch schon oft gemacht). Dass er seine Lomografie-Artikel-Pläne nicht offengelegt hat, finde ich allerdings nicht okay. Zumal es, wie gesagt, ja nicht um irgendwas Brisantes geht.

    1. Danke für deinen Kommentar. Jetzt bin ich froh, dass ich nicht ganz weltfremd denke. Denn natürlich habe ich mich auch gefragt, warum er vorher 25 Minuten mit mir über ein anderes Thema geredet hat. Weder war das Thema Lomografie zu dem Zeitpunkt extrem brisant, noch war ich ein Topfotograf, den man bewusst hätte in die Pfanne hauen können/müssen. Alles in allem reiner Durchnschnitt würde ich sagen. Um so schöner finde ich, dass du es auch nicht okay findest, dass er seine Pläne in Sachen Lomografie nicht offengelegt hat. Denn genau dieser Punkt ist der Stein des Anstosses. Das mag jetzt kleinlich klingen, aber ich fühlte mich danach vollkommen hintergangen, da ich von einer Veröffentlichung zu diesem Thema vorher nichts wusste. Für einen Teil der Kommentatoren hier mag das alles Pillepalle sein, aber diejenigen waren auch nicht persönlich betroffen. Wie gesagt, alles was ich hier im Artikel und auch in den Kommentaren schreibe beruht auf subjektiven Vermutungen. Ich möchte keinem Menschen etwas Böses, sondern wollte mir das einfach mal von der Seele schreiben. Dass BILDblog darauf verlinkt, damit hätte ich als Letztes gerechnet;)

  13. Ich würde Dir auf jeden Fall wünschen, dass Du aufgrund dieser Erfahrung von damals nicht weitere zehn Jahre wartest, noch einmal öffentlich Deine Meinung zu sagen, wenn Dich jemand fragt. War doch vollkommen o.k., das Zitat, i.S.v. qualifiziert – bin zufällig Deiner Meinung, aber würde das auch finden, wenn nicht. Hättest Du Dich besser gefühlt, wenn Dein Sponsor damals bei Dir geblieben wäre, in dem Bewusstsein, dafür den Mund gehalten zu haben?

    1. Ich habe bereits 2001 oder 2002 (da müsste ich nochmal genauer nachschauen) über diesen Artikel online berichtet. Damals noch nicht in Blogform. Ich habe nicht absichtlich 10 Jahre gewartet, um das Thema nochmals aufzugreifen. Anlass ist der Streik der Journalisten der beiden Tageszeitungen in Stuttgart. Seitdem erscheinen vermehrt Artikel aus Nachrichtenagenturen, auch zu Themen, die direkt vor der Haustüre der Redaktionen stattfinden. Anlass war also ein aktueller Fall. Da fiel mir meine Geschichte einfach nochmal ein und ich habe darüber berichtet. Zum Thema Sponsor: mit Abstand betrachtet sieht die Welt immer anders aus. Ich weiss nur, dass ich damals wirklich am Boden zerstört war, da ich lange (ca. 1 1/2 Jahre) nach einem geeigneten Sponsor gesucht habe. Insofern kann ich deine Frage nur aus zwei Blickwinkeln beantworten. Damals war ich wie gesagt am Boden zerstört, heute sehe ich es so, dass mir kein Sponsor sagen sollte, was ich zu sagen/denken habe. Letztendlich soll der Sponsor ein Projekt unterstützen über das er genau bescheid weiss. Zumal die Geschichte, wie ja alle hier schon geschrieben haben, nicht zu hoch aufgehängt werden sollte.

  14. Bin auch vom BildBLog hier rüber gespült, wegen des Stichwortes Lomographie.

    Sicherlich haben wir schon alle die Klagen von Journalisten gelesen über die ach so blöden, pingeligen Pop-, Film- und Politstars, die jedes einzelne Wort eines Interviews vorher freigeben wollen. Jetzt wissen wir warum.

    Allerdings passt die Aussage über den Preis der Kamera sowieso nicht zur Aussage des Artikels über die Kunstform. Sieht so aus, als hätte der Journalist händeringend ein Statement „Dagegen“ gesucht um dem Artikel mehr Pep zu geben.

  15. Danke für die Antwort, Floyd,

    mit der bösen -Überschrift, die der Journalist verwendet, hast Du sicher recht. Allerdings finde ich, dass Du mehrere Vorwürfe zusammenrührst. Und zumindest den einen – so ich ihn richtig verstanden habe – kann ich (Offenlegung: Ich bin selbst Journalist) nicht so stehen lassen. Den, dass man gezielt nach jemandem sucht, der eine bestimmte Aussage trifft.
    Mal auf eine andere Ebene gelegt: Wenn ein CDU-Politiker etwas fordert, ist völlig klar (und sogar journalistisch notwendig), dass man jemanden von der SPD fragt, was er davon hält. Oder meinetwegen den RWE-Chef und dann den Umweltaktivisten.

    Und, nein, man sagt auch nicht dem RWE-Chef: „Übrigens wird der Artikel wohl eher einen kritischen Aspekt auf das Thema Atomkraft werfen“ Denn entweder hat der Herr von der RWE ein Statement, zu dem er steht, oder nicht.

    Und der Satz: „Ich verstehe den spaß dahinter, aber den Preis nicht“ hätte aus der Aussage – wie einige hier anscheinend finden – m.E. auch keine andere gemacht.

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